Tagungsrückblick:

„Saatleindotter – pflanzlicher Rohstoff für Biokraftstoffe der 2. Generation“

Ort: Penza, Russland
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Vom 12.02. – 13.02.2013 fand in Penza, Russland in den Räumen der Neuen Lermontowbibliothek die 2. Internationale Tagung zum Thema „Saatleindotter – Rohstoff für Biokraftstoffe der 2. Generation“ statt. Nach der Eröffnung durch den Gouverneur der Region Penza, Herr Wassili Botschkarew, und Grußworten von Herr Joachim Buse, Vice President der Aviation Biofuel der Deutschen Lufthansa AG sowie Frau Dr. Raissa Steinigk, CasusOil Projekt, begannen für die über 80 Teilnehmer zwei interessante und gesprächsintensive Veranstaltungstage in Penza.
Unter den Gästen der Veranstaltung befanden sich sowohl große russische Agroholdings wie JUG Rusi, RosAgro, OAO Petrowskij Chleb, OOO Bi-Granum als auch mittlere und kleiner Agrarunternehmen aus verschiedenen Regionen der Russischen Föderation, u.a. Saratow, Samara, Ulyanowsk, Omsk und Nizhni Nowgord. Aus dem Bereich der Weiterverarbeitung waren mehrere Ölmühlen vertreten - OOO Firma "Ramis", OOO LIBOIL, OOO USt-Kamenogrosk - und große Logistikunternehmen wie OOO Sodruzhestvo aus dem Gebiet Kalingrad und OOO NVT aus Wyborg. Auf der Seite der Produzenten und Verbraucher von Biokerosin waren Vertreter der Unternehmen Nesteoil und die Deutsche Lufthansa AG anwesend. Zu den Gästen aus Deutschland zählten Lukas Rohleder von aireg e.V., Alexander Küper von der AFS Hamburg und Prof. Dr. Martin Kaltschmitt von der TUHH, Institut für Energiewirtschaft.

Während der Eröffnung der 2. Internationalen Tagung zum Saatleindotter als Rohstoff für Biokraftstoffe der 2. Generation: Joachim Buse, Deutsche Lufthansa AG; Dr. Raissa Steinigk, CasusOil Projekt; Wassilij Botschkarew, Gouverneur der Region Penza; Wladimir Wolkow, Minister für regionale Entwicklung und Wirtschaftsförderung – v.r.n.l.

Anwesend waren auch Vertreter der Unternehmen AFNOR RUS und TÜV-Nord Russland, die im Zusammenhang mit den Projekten zum Anbau von Saatleindotter, zu Fragen der Zertifizierung von Pflanzenrohstoffen für die Kraftstoffproduktion Auskunft gaben.
Ziel war wie angekündigt die vorhandenen Leindotterproduzenten in den verschiedenen Regionen zu konsolidieren und über mögliche Märkte und Abnehmer in den westeuropäischen Ländern zu informieren. Neben den Vorträgen und Präsentation zum Rohstoff, den Anwendungsmöglichkeiten und Zielsetzungen der Luftfahrtindustrie, war ein Ziel der Veranstalter die Gründung eines Verbandes der Leindotterproduzenten.

 
Wladimir Wolkow im Gespräch mit Tagungsteilnehmern: W. Wolkow, zweiter von links; Dr. A. Kabunin, 3. von rechts und Andere

Der Anbau von Saatleindotter biete nach Aussagen der Produzenten im Gebiet Penza, die Möglichkeit zusätzlich eine gewinnbringende Rohstoffpflanze in den Fruchtfolgezyklus aufzunehmen, da sowohl der Anbau als auch die Ernte mit geringen Kosten verbunden sei und das Interesse der Abnehmer steigend ist. Zum Thema der Verarbeitung von Leindotteröl zu Biokerosin sagte Dr. Alexander Kabunin, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Penzaer Instituts für Saatenforschung und Geschäftsführer des Verbandes der Leindotterproduzenten in Russland, folgendes: „Die Verwendung von Biodiesel bietet die Möglichkeit das gestörte Ökosystem wieder etwas auszugleichen. Es geht ja nicht nur um die Verringerung der Treibhausgasemissionen. Die „Rückeinführung“ von Leindotter in den Fruchtfolgezyklus hilft den Boden zu reaktivieren und mit mineralischen Substanzen anzureichern. Heutzutage werden aktiv drei landwirtschaftliche Kulturen angebaut: Getreide, Soja und Reis. Diese belegen etwa 70% der gesamten landwirtschaftlichen Anbauflächen. Das ist gefährlich aus der Sicht der ökologischen Vielfältigkeit. Eine Monokultur laugt den Boden aus und führt auf lange Sicht zu Mißernten. Wir arbeiten schon viele Jahre an der Ausweitung der biodiverser Nutzkulturen und sind froh über das Interesse am Saatleindotter.“ Das Penzaer Institut für Saatenforschung und Selektion ist Pionier auf dem Gebiet der Erforschung von Ölsaaten - optimierte Saatleindottersorten sind nur eines ihrer Asse, mit denen man ausgelaugte Böden regenerieren kann und dabei Einkommen für den landwirtschaftlichen Betrieb erzielen kann.
„Es hat sich herausgestellt, dass nur der Winterleindotter zufriedenstellend überwintern kann und dabei stabile Ernteerträge mit bis zu 46% Ölgehalt geben kann. „ – sagte der stellvertretende Direktor des Penzaer Instituts für Saatenforschung Dr. Dmitri Dolzhenko.

Für die Region Penza ist Saatleindotter eine interessante Nutzpflanze, die auch in ökonomischer Sicht viele Vorteile für die Landwirte mit sich bringen kann. So äußerte sich der Minister für Landwirtschaft, Iwan Firjulin, zuversichtlich zur Annahme der Nutzkultur durch die regionalen Landbetriebe. „Saatleindotter ist kein Lebensmittelprodukt. Und auch die Preisbildung orientiert sich nicht am Getreidepreis, sondern eher am Pflanzelölpreis für die Biokraftstoffherstellung. Gegenwärtig liegt dieser zwischen 8.000 bis 20.000 Rubel pro Tonne. Bei genügend großen Verarbeitungskapazitäten durch Ölmühlen, wird man die Landwirte nicht lange überreden müssen Saatleindotter anzubauen. Wir haben in der Region Penza etwa 500.000 ha landwirtschaftliches Brachland. Diese Flächen können in ein Pilotprojekt zum Leindotteranbau eingebracht werden.“ Zu den Anbaukapazitäten äußerte sich auch der Gouverneur der Region Wassilij Botschkarew: „Saatleindotter ist nicht nur die Zukunft, Leindotter ist bereits Gegenwart. Das Projekt ist kompliziert aber interessant. Es sind noch nicht alle landwirtschaftlichen Anbauflächen in der Nutzung. Leindotter könnte diese Flächen besetzen. Die Nachfrage wird im Weiteren die Entwicklung dieses Landwirtschaftszweiges bestimmen.“
Im Zusammenhang mit den globalen Maßstäben eines solchen Anbauvorhabens äußerte sich Wladimir Wolkow, 1. Stellvertreter der Gebietsregierung Penza: „Wenn wir mit Ihnen über die WTO sprechen, wird oft zu aller erst über den Konkurrenzkampf gesprochen, wer gegen wen verliert. Man kann natürlich kämpfen. Aber man kann sich auch verbünden und gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Weder Deutschland, noch Finnland, noch Russland können solch ein Projekt im Alleingang bewältigen. Gemeinsam jedoch ist es möglich und dann ist die WTO kein Gegner mehr, sondern kann zum Partner werden.“

Während am ersten Veranstaltungstag inhaltlich alle Vorträge und Gespräche um die Qualitäten, Einsatzmöglichkeiten und Anforderungen an Leindotteröl kreisten, wurde am 2. Tag konkret über den Anbau referiert und gesprochen. Anwesend waren neben den Fachleuten vom Penzaer Institut für Saatenforschung, Landwirte aus der Region sowie den angrenzenden Regionen Samara, Saratov, Ulyanowsk u.a., die mit ihren Penzaer Kollegen über praktische Anbaumethoden und Fruchtfolgezyklen diskutierten.
Besonders intensiv wurde die Frage des Saatgutes besprochen, da hier zur Zeit noch große Defizite herrschen. Denn aus landwirtschaftlicher und ökonomischer Sicht ist Leindotter nicht gleich Leindotter. Und was in Penza wächst, muss nicht zwangsläufig in Ulyanowsk, die gleichen Ernteerträge erzielen. Hier sei noch viel Forschungsbedarf und praktische Erfahrung notwendig, wie Dr. Kabunin betonte und man müsse ein Netzwerk von erstklassigen, zertifizierten und geprüften Saatzuchtbetrieben aufbauen. Fazit des zweiten Tages war die Gründung des Verbandes der Leindotterproduzenten in Russland, denn Leindotter braucht eine gut organisierte Lobby. Der Interessenverband wird Bindeglied zwischen den einzelnen Produktionsetappen und soll in Kürze gegründet werden.
„Ziel der Assoziation ist die Koordination der langen Produktionskette von der Saatzucht, über die Landwirte, die Ölmühlen, die Logistikunternehmen bis hin zu Consultingunternehmen.“ - so Dr. Raissa Steinigk, die als Veranstalterin der Tagung bisher sehr viele Aktivitäten in Bezug auf Leindotter in Russland koordiniert.

Russische Presse und TV-Berichte im Vorfeld und nach der Tagung

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