Rückblick Fachtagung: Ressource Leindotter Veranstaltung der Camelina sativa Projekt GmbH in Leipzig, den 16.03.2012


Am Freitag, den 16.03.2012 fand im Kubus Leipzig, Helmholtzzentrum für Umweltforschung e.V. die Fachtagung „Ressource Leindotter – von der Nachtcreme bis zum Flugzeugkerosin“ statt.

Mit insgesamt über 50 Teilnehmern bot die Tagung dem interessierten Fachpublikum aktuelle Informationen zum Rohstoff Leindotteröl, der in der Lebensmittel- und Pharmaindustrie, in der chemischen Industrie sowie in der Herstellung von Biokraftstoffen Anwendung findet.Spezieller Fokus der Veranstaltung war die Nutzung von Leindotteröl für die Produktion von Biokraftstoffen, hier speziell Biodiesel und Biokerosin.

Als Auftakt zur Leindotterfachtagung richteten Dr. Raissa Steinigk und Alois Paffe von der Camelina sativa Projekt GmbH Grußworte an das versammelte Publikum. Mit Wünschen und Anregungen für eine interessante und aufschlussreiche Veranstaltung übergaben die Beiden das Wort an Wladimir Wolkow, Mitglied der russischen Teilnehmerdelegation und Verterter der Penzaer Gebietsregierung.

Eröffnet wurde die Tagung vom stellvertretenden Gouverneur der Oblast Penza, Wladimir Wolkow. In seiner Funktion als Leiter der Abteilung für Investitionspolitik, stellte er die Oblast als Standort für ausländische Unternehmern vor und warb für die Gründung von deutsch – russischen Gemeinschaftsunternehmen speziell im Bereich des Anbaus und der Erstverarbeitung von Leindotter.

Die Oblast Penza, in der Mittleren Wolgaregion gelegen, sei, so der Politiker, sehr an ausländischen Investitionen und Gemeinschaftsprojekten im Bereich Landwirtschaft interessiert. Gerade der Anbau von Leindotter mit seinen vielfältigen Anwendungs- und Verarbeitungsmöglichkeiten sei für die Region sehr gut geeignet. Sowohl klimatische als auch geografische Voraussetzungen würden gute Bedingungen für Leindotter anbieten, sagte Wolkow. Des Weiteren betonte er, dass die Gebietsregierung die Gründung von Gemeinschaftsunternehmen mit vielfältigen Mitteln fördern könne, da in den russischen Regionen vor allem der landwirtschaftliche Sektor eine weitreichende staatliche Unterstützung erhalte. Sein Fazit für die stattfindende Veranstaltung lautete: russische landwirtschaftliche Anbaugebiete seien offen für den Anbau von Rohstoff- bzw. Energiepflanzen und man begrüße die Initiative, Leindotter als nachhaltigen Rohstofflieferanten wieder zu beleben.

Die nächsten drei Vorträge im ersten Themenblock der Fachtagung widmeten sich inhaltlich bezugnehmend auf die Eröffnungsrede, den Anbaugebieten, den Anbaumethoden und der Sortenvielfalt- und Forschung von Saatleindotter. Als erster Referent sprach Wladimir Kasimovskij, der Geschäftsführer der Ölmühle Rami in Penza. Er stellte seine Erfahrungen mit dem seit 6 Jahren angebauten Winter- und Frühjahrsleindotter vor. Von besonderem Interesse für das Publikum waren hierbei seine Ausführungen zu den Anbaukapazitäten und Ernteprognosen für die kommende Anbausaison 2012. Auch die Gesamtprognosen für den Anbau von Leindotter bei entsprechender Nachfrage, diese Pflanze als ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Rohstofflieferant zu rekultivieren, rief bei den Teilnehmer rege Fragen in der anschließenden Diskussionsrunde hervor.

Der nächste Referent, Prof. em. Dr. Ernst Schrimpff, sprach über die Erfahrungen im Leindotteranbau in Deutschland. Mittelpunkt seines Vortrages war der nachhaltige Anbau von Leindotter auf der Grundlage des Mischfruchtanbaus. Prof. Schrimpff erörterte die Erfahrungen deutscher Landwirte und die ökologische Nachhaltigkeit dieses Anbauverfahrens in Hinblick auf eine notwendige, nachhaltige und umweltschonende Produktion von pflanzlichen Rohstoffen. Zentrale und durch Praxiserfolge belegte These ist, dass Mischfruchtanbauten bestens geeignet sind stabile Erträge und sogar Ertragsteigerungen zu erwirtschaften. Dabei wird auf das natürliche Prinzip der sich unterstützenden Wachstumsförderung von Pflanzen zurückgegriffen, dies sich durch unterschiedliche Wurzelsysteme, Wuchshöhe und Erntezeiten sehr gut kombinieren lassen. Dieses Anbauverfahren betonte der Referent sei nicht nur sehr ökologisch und nachhaltig sondern auch ökonomisch erfolgversprechend, gerade für die Landwirtschaft in Russland, die nach umweltschonenden Verfahren zur Rekultivierung von brachliegenden Anbauflächen sucht.

Im Anschluss an Prof. Schrimpff folgte der Vortrag von Igor Kiseljew, Vertriebsmanager und Betriebsleiter der Firma Sarepta in Wolgograd. Kiseljews Vortrag erläuterte den Zuhörern nochmals die Anbauverfahren und Kapazitäten von Leindotter im Wolgagebiet, wobei Sarepta einer der größten senfsaatenverarbeitenden Betriebe in Russland ist und seit mehr als 10 Jahren auch Leindotter anbaut. Der Redner sprach außerdem über die biochemische Zusammensetzung von Leindotteröl, welches durch seine ausgeglichene Kombination an ungesättigten Fettsäuren (hohe Werte von 3-6-9 Omega) ein über die Maßen wertvolles Pflanzenöl sei. Durch den hohen Anteil an Eruca- und Eicosinsäure wiederum sei Leindotter gut geeignet für die Herstellung von Biokraftstoffen womit Kiseljew zum nächsten Themenblock – Leindotter für Biokraftstoffe überleitete.

Der Themenblock – Leindotter für Biokraftstoffe- wurde eröffnet durch den Vortrag von Jan – Erik Kruse, Mitarbeiter der Deutschen Lufthansa AG, Abteilung Biofuels. Der Referent präsentierte die Erwartungen und Vorstellungen der Fluggesellschaft zum Thema Biokerosin. Dabei sprach Kruse über die kürzlich abgeschlossenen Praxisversuche der Lufthansa mit Biokerosin, in dem auch bis zu 50% Leindotter verwendet wurde. Auch sprach Herr Kruse über das große Interesse der Fluggesellschaft an Biokerosin aus nachhaltig angebauten und zertifizierten Rohstoffen. Grundvoraussetzung für Rohstoffpflanzen sei die seit 2012 in Kraft getretene ISCC Zertifizierung. Leindotter sei ein potenzieller Rohstoff und vor allem der Anbau nach der Mischfruchtmethode sei besonders perspektivreich. Diskussionswürdig sind auch Anbaugebiete in Russland, die im Projektverbund mit anderen Unternehmen erschlossen werden könnten.

Als nächster Redner trat Sebastian Dörr für NesteOil auf, der unmittelbar anknüpfend über die Verarbeitungskriterien von Leindotter HVO NExBTL referierte. Für die Zuhörer besonders interessant war die Verknüpfung der beiden Vorträge da die Lufthansatestflüge mit dem von NesteOil hergestelltem Biokerosin durchgeführt worden sind. Herr Dörr umriss knapp den Herstellungsprozess von NExBTL und richtete das Augenmerk der Zuhörerschaft ebenfalls auf das Faktum der unzureichenden nachhaltig zertifizierten Rohstoffquellen. Auch wurde betont, dass das von NesteOil entwickelte wasserstoffbasierte Verarbeitungsverfahren mit Leindotter sehr gut funktioniere, Grundvoraussetzungen jedoch gesicherte stabile Rohstofflieferungen sein.

Der Problematik der Nachhaltigkeitszertifizierung widmeten sich Dr. Bernd Freymann, Eufex Deutschland GmbH. Dieses Thema war insbesondere für die Tagungsgäste aus Russland von großer Bedeutung, da Herr Dr. Freymann sehr konkret über den Zertifizierungsvorgang für außerhalb der EU produzierte pflanzliche Rohstoffe berichtete. Da, wie die beiden Vorredner betont hatten, die Zertifizierung eine der grundlegenden Voraussetzungen für den Einkauf von Biorohstoffen ist, war wichtig zu erfahren, in welchem Umfang und von welcher Dauer die Zertifizierungsmaßnahmen sind. Der Hauptakzent lag dabei auf der Nachvollziehbarkeit der Lieferkette vom landwirtschaftlichen Betrieb bis zum Endabnehmer und den Anforderungen an die Minderung von THG bei der Herstellung von Leindotteröl.

Die beiden nächsten Redner der Tagung widmeten ihre Vorträge der Thematik: Beimischung von Leindotteröl zu Biodiesel. Dr. Ralf Türck, Tecosol GmbH sprach über die Beimischung von Leindotter, die in der Biodieselanlage in Ochsenfurt durchgeführt wurde. Grundsätzlich so Dr. Türck, lässt sich das Leindotteröl sehr gut unter alkalischer Katalyse und Zugabe des Alkohols Methanol in den resultierenden Fettsäuremethylester (Biodiesel, Fame) verarbeiten. Die Normparameter seien erfüllt und bei den verarbeiteten Lieferungen wurden die üblichen Technologien angewendet. Besonderes Augenmerk gelte bei der Verarbeitung dem Estergehalt. Unter anderem zeige auch die Filtrierbarkeitsgrenze (CFPP) bei Leindotteröl ein positives Potential des Rohstoffes. Als Beimischungskomponente im Rohstoffmix einer Biodieselanlage mit bis zu 10 % kann Leindotteröl eine Ergänzung sein.

Im Anschluss an das Obengenannte sprach Thomas Kaiser, Vereinigte Europäische Werkstätten/ IEU München über Kraftstoffe auf Leindotterölbasis und die Anwendung in Dieselmotoren. Im Projekt 2ndVegOil wurden pflanzenöltaugliche Motoren mit unterschiedlichen Kraftstoffen im Langzeittest geprüft. Zu den Pflanzenölen gehörten Raps-, Leindotter-; Jatropha- und Sonnenblumenöl. Die Ergebnisse, so Kaiser, seien durchgehend positiv wobei durchaus noch Verbesserungsbedarf und Entwicklungsmöglichkeit bestünden. Die sogenannte moderne Common-Rail-Technik eigne sich auch für Nicht-Rapsöle und in Bezug auf die Motorentechnik seien hier innovative Idee und weitere Tests gefragt. In Bezug auf eine gesamthafte Entwicklung solle man sich nicht durch bestehende Normen einschränken lassen, sondern weitere praxisgestützte Forschung z.B zu Säurezahl, Lagerstabilität, etc. und deren Auswirkung auf Motoren durchführen, so Kaiser.

Im letzten Teil der Fachtagung, die sich noch einmal mit den Anbaukapazitäten und Anbauvarianten für Leindotter beschäftigte, sprach Prof. Alexandr Smirnow vom Penzaer Saatenforschungsinstitut über neu entwickelte Sorten mit gesteigertem Ertragspotenzial. Außerdem stellte Prof. Smirnow eine bisher wenig erforschte, aber ebenfalls sehr aussichtsreiche Ölpflanze vor, an der sein Institut seit einigen Jahren arbeite.

Last but not Least erfrischte Markus Pscheidl, Kramerbräu GmbH, in seinem die Tagung abschließenden Vortrag die Teilnehmer mit seinen Erkenntnissen zum Anbau von Leindotter in Deutschland. Die Kramerbräu GmbH, die vor über zehn Jahren begonnen hatte geeignete Pflanzen für den Mischfruchtanbau zu erproben, entschied sich für Leindotter, da die Ölfrucht als Stützpflanze für Braugerste sehr gute Resultate erzielt hatte. Hauptziele des ökologischen Landbaus wie Synergieeffekte und Erweiterung der Biodiversität ließen sich so gut umsetzen betonte Markus Pscheidl. Außerdem würde durch die Einsaat von Leindotter kaum Platz für die Entwicklung und Ausbreitung unerwünschter Pflanzen zur Verfügung stehen und die aufwachsenden Bestände seien daher nahezu unkrautfrei. Der Entwicklungsrhythmus des Längenwachstums der kombinierten Arten weist wenige Unterschiede auf, so dass der Leindotter mit den ihm anvertrauten Kulturen einen sehr dichten Bestand ausbilde.

Fazit: Übereinstimmend meinten die Teilnehmer der Fachtagung, dass Saatleindotter perspektivreich und vielseitig verwendbar sei. Sie erfülle die meisten Anforderungen als Rohstofflieferant und sei, wie vor allem von russischer Seite dargestellt wurde in ausreichender Menge anbaubar. Russische Agrarstandorte haben den großen geografisch – ökonomischen Vorteil den Flächenbedarf für den Anbau energetisch zu nutzenden Rohstoffpflanzen decken zu können. Notwendig sei hier die Gründung effizient und nachhaltig operierender Unternehmen, die auf die unterschiedlichen Bedarfsformen der Industrie reagieren können. Das Motto “Camelina for Renewable Energy” war nur eines, das von vielen Teilnehmern der Veranstaltung mit auf den Nachhauseweg genommen wurde.


Mit freundlicher Unterstützung der VGMZ "Sarepta" LLC